Freitag, 24. November 2017

Rezension „Im Schatten der Armenhäuser“

Zurück im Nonnatus House

Meine zweite November-Rezension 2017



Es ist mal wieder diese Jahreszeit, in der man sich am liebsten zuhause mit einem heißen Getränk, Kuschelsocken und gedimmten Licht aufs Sofa verkriecht, um gemütlich zu netflixen. Gerade schaue ich die dritte Staffel von „Call The Midwife“ und lese, wenn ich nicht gerade netflixe, den zweiten autobiografischen Roman, auf dem die Serie basiert. „Im Schatten der Armenhäuser“ von Jennifer Worth erschien 2016 erstmals auf Deutsch und ist der mittlere Band einer Trilogie, in der sie sowohl ihre Erlebnisse als Krankenschwester und Hebamme, als auch die ihrer Bekanntschaften aus dem Londoner Kloster im East End während der 1950er-Jahre erzählt.


Inhalt

Jennifer Worth berichtet erneut vom Leben in Londons Armutsvierteln während der Nachkriegszeit. Außerdem erzählt sie Geschichten von Menschen, die in Arbeitshäusern lebten, bis diese 1930 geschlossen wurden. In ihrem Fokus liegen vor allem drei Kindern, die sie als Erwachsene kennengelernt hat. Hinzu kommen zwei weitere längere Geschichten: Eine über die Nonne Schwester Monica Joan und eine über ihren Patienten Joseph Collett.

Cover
Das Cover ist wieder einmal ein Foto der Serienstaffel, dieses Mal aber von der zweiten. Zu sehen sind erneut von links nach rechts die Darstellerinnen Jessica Raine, Helen George und Bryony Hannah in ihren Rollen als Jennifer Lee, Beatrix Franklin und Cynthia Miller. Sie tragen ihre Schwesternkittel in Kombination mit roten Cardigans und halten jeweils ein Baby in ihren Armen. Im Hintergrund steht ein Metalltisch und ein weißer Paravent mit hellblauem Stoff. Wie schon in Teil eins erwähnt, bin ich enttäuscht, dass es keine individuellen Cover gibt, aber dieses Mal finde ich das gewählte Cover noch unpassender als zuvor, denn Babys spielen in diesem autobiografischen Roman keine beachtenswerte Rolle und somit gibt es hier auch kaum Übereinstimmung mit dem Inhalt. Im Gegenteil, wer sich hier durch einen Coverkauf verleiten lässt, wird womöglich mit dem Buch keine Freude haben.

Kritik
Der autobiografische Roman ist in drei Teile aufgespalten, die in römischen Zahlen nummeriert sind: „Die Armenhauskinder“, „Schwester Monica Joans Prozess“ und „Der alte Soldat“. Diese sind in sechs bis elf Kapitel unterteilt. Hier kommen wir schon zu meinem ersten Krtikpunkt: Während bei „Ruf des Lebens“ noch jedes Kapitel eine Kurzgeschichte erzählt, werden hier insgesamt nur drei große Geschichten mit kleineren Abzweigungen vorgestellt, dafür aber mit sehr detaillierten Biografien der handelnden Charaktere. So beschreibt Worth beispielsweise die gesamte Kindheit von einem Jungen im Armenhaus, den sie selbst erst als Erwachsenen kennengelernt hat. Ich hatte mir eher erhofft, dass sie mehr Geschichten erzählt, die sie persönlich selbst hautnah erlebt hat, anstatt im gesamten Roman insgesamt nur drei Geschichten zu erzählen und diese bis ins letzte Detail auszuschmücken und dabei von Ereignissen zu berichten, denen weder sie noch Kolleginnen beigewohnt haben. Das ist im ersten Teil definitiv besser gelungen.
In Kombination mit dem Cover hat mich noch etwas gestört. Worth ist gelernte Krankenschwester und Hebamme. Jedoch ist die einzige Geschichte, die sie beruflich erlebt hat die von Joseph Collett und mit ihm hat sie rein als Krankenschwester zu tun. Hat sie im Vorwort von „Ruf des Lebens“ noch bemängelt, dass Hebammen in der Literatur zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, widmet sie diesem Buch keine einzige Geschichte einer werdenden Mutter oder einer Entbindung, beziehungsweise dem entsprechenden Berufsbild. Äußerst schade, wo der Titel der Trilogie doch übersetzt „Ruf die Hebamme“ heißt.
Die erste der drei Kurzgeschichten handelt von Jane, Frank und Peggy, die gemeinsam im Armenhaus aufgewachsen sind und deren Freundschaft Jahrzehnte lang hielt. Jennifer Lee, kurz Jenny, lernt diese dann im Nonnatus House kennen und erläutert die grausamen Umstände, unter denen Kinder aus der sozialen Unterschicht im Armenhaus leiden mussten. Jane kommt in der Serie „Call The Midwife“ als Schwesternhelferin sogar über mehrere Folgen vor, während die Geschichte von Peggy und Frank in einer Episode, nämlich der fünften der ersten Staffel, abgehandelt wird. Leider konnte mich die Geschichte so gar nicht berühren. Ich konnte schon in der Serie herzlich wenig mit dem Geschwisterpaar anfangen und auch im Buch überkam mich wieder dieselbe Abneigung, die ich für die beiden empfand. Auch wenn Worth sie erzählerisch wiederholt in Schutz nimmt, bleibt es für mich persönlich nach wie vor die schlechteste Geschichte aus „Call The Midwife“. Allerdings war es interessant mehr über die historischen Hintergründe von Armenhäuser zu lernen, die schon Stoff für Charles Dickens‘ Romane boten.
In der zweiten Kurzgeschichte geht es um Schwester Monica Joan, eine 90-jährige Nonne aus dem Nonnatus House, deren Demenz schon so weit fortgeschritten ist, dass sie barfuß und im Nachthemd durch die Straßen läuft oder Straßenhändler aus reiner Senilität beklaut. Eines Tages kommt ihr Diebstahl ans Tageslicht und sie muss sich für ihre Taten bei der Polizei verantworten. Auch diese Geschichte wird in der Serie in Folge sechs der ersten Staffel behandelt. Schwester Monica Joan gilt als Publikumsliebling, wird aber im Buch eher als Frau mit zwei Gesichtern beschrieben. Ihre Geschichte ist die kürzeste in „Im Schatten der Armenhäuser“.
Die letzte Kurzgeschichte berichtet von Joseph Collett, einem ehemaligen Soldaten, dem Jenny als Krankenschwester Hausbesuche abstatten soll, um seinen Ulcus cruris zu behandeln. Anfangs ekelt sie sich vor ihm und seiner verdreckten Wohnung, aber mit der Zeit freundet sie sich mit ihm an. Mr Colletts Geschichte wird in der Serie in der dritten Episode der ersten Staffel erzählt und ist für mich die beste und emotionalste Kurzgeschichte dieses Buches, die kleinere Kritikpunkte wieder ausbügeln konnte.
Wie zuvor gibt es auch hier wieder kein richtiges Ende, sondern lediglich ein Fazit von Worth zu ihrer Haltung gegenüber Armenhäusern.

Fazit
Schon vor dem Durchlesen der exakt 400 Seiten war mir klar, dass „Im Schatten der Armenhäuser“ leider nicht an den ersten Teil „Ruf des Lebens“ heran kommt. Dafür gab es leider zu wenig Geschichten, von denen mich nur eine wirklich fesseln konnte und obwohl auf dem Cover drei Babys abgelichtet sind, kommt im autobiografischen Roman keine einzige Entbindung vor. Trotzdem hatte ich das Buch in knapp zwei Wochen beendet, es war also nicht so schlecht, dass ich mich hätte quälen müssen. Deswegen gebe ich dem zweiten Band der Call The Midwife-Trilogie von Jennifer Worth drei von fünf Herzen.
Der letzte Teil ist bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt worden und wegen meines guten, aber nicht überragenden Urteils über den zweiten Teil, werde ich den dritten Band auch erst lesen, wenn er als Print auf Deutsch erhältlich ist. Aus diesem Grund habe ich den Verlag kontaktiert und nachgefragt: Bisher gibt es keine Pläne „Farewell to the East End“ ins Deutsche zu übersetzen, deshalb gehe ich eher davon aus, dass ich diese Trilogie nicht beenden werde.

♥♥♥