Mittwoch, 25. Oktober 2017

Rezension „Singe, fliege, Vöglein, stirb“

Wer ist vertrauenswürdig?

Meine zweite Oktober-Rezension 2017



„Gleich erreicht er die Lichtung. Warum hast du mich verraten? Knacken. Stille. ‚Ina!‘ Seine Stimme klingt jetzt ärgerlich. ‚Verflucht, Mann, wir haben echt keine Zeit für diesen Mist hier! Hast du irgendeine Ahnung, wie tief du in der Scheiße steckst? Du musst mir vertrauen!‘ Vertrauen? Ich sehe Chasey vor mir. Die hervorgetretenen Augen. Die blutleeren Lippen. Die blaurot geschwollene Zunge. Weg. Nur weg von ihm. Meiner Liebe. Meiner letzten Hoffnung.“
Mit „Singe, fliege, Vöglein, stirb“ aus dem Jahr 2014 endet Janet Clarks Jugendtrilogie. Der Thriller hat fast 350 Seiten und erzählt wie gewohnt eine von den Vorgängern unabhängige Geschichte. Neues Spiel, neues Glück und sowohl die Möglichkeit die ersten beiden Bände zu übertrumpfen, als auch gnadenlos in ihren Schatten zu stehen.


Inhalt

Die 18-jährige Ina Stegvogel wohnt mit ihren Eltern in der norddeutschen Kleinstadt Elland. Dort arbeitet sie leidenschaftlich gerne im Tierheim, trotz Probleme mit ihrer Kollegin Lennja. Als Ina bei ihrem Freund, dem Chemiestudenten Aaron Larenberg, in eine Nachhilfestunde platzt, erwischt sie ihn dabei, wie er seiner weinenden Schülerin Casey Lorell tröstend einen Arm um die Schulter legt, weil diese nach der Brandstiftung des Versuchslabors ihres Stiefvaters den verbrannten Wachmann gefunden hat. Als potenzieller Täter gilt Janosch Czerski, ein alter Freund von Ina, zu dem sie allerdings keinen Kontakt mehr hat. Die Polizei ruft eine Fahndung nach ihm aus und plötzlich steht er in ihrem Zimmer und bittet sie, ihn zu verstecken. Wenig später findet Ina Caseys Leiche im Wald und da Aaron der letzte war, der sie lebend gesehen hat, wird er zum Hauptverdächtigen. Es beginnt eine Hetzjagd, bei der zur Selbstjustiz an Aaron aufgerufen wird und Ina weiß nicht, wem sie noch vertrauen kann.

Cover
Same, same but different. Wieder einmal sind es illustrierte Blumen auf weißem Grund im asymmetrischen schwarzen Rahmen. Dieses Mal sind die Blüten gelb und orange, während die Ranken und Blätter grün sind. Mir gefällt die Idee der Illustration nach wie vor, dass die Trilogie auf den ersten Blick idyllisch und mädchenhaft wirkt, aber beim genauen Betrachten Zweifel an der Harmonie geweckt werden. Trotzdem bevorzuge ich von allen drei Teilen „Schweig still, süßer Mund“ rein optisch am meisten.

Kritik
Letzte Woche hatte ich noch ein Leben.“, ist der erste Satz des Prologs. „Ich“ ist in diesem Fall die Protagonistin Ina Stegvogel. Der Prolog ist ein kurzer Ausschnitt aus Mittwoch, dem 30. Oktober, der als Tag Null bezeichnet wird. Es wird zwar keine Jahreszahl genannt, aber ausgehend davon, dass in der Handlung Smartphones und Facebook mehrfach erwähnt werden und die Geschichte höchstwahrscheinlich vor dem Erscheinungsjahr spielt, da sie ansonsten in der Zukunft läge, ist 2012 demnach das einzig mögliche Handlungsjahr, da Wochentag und Datum übereinstimmen. Ein weiterer Beweis ist die Erwähnung der zweiten Staffel „Game of Thrones“, die 2012 erschien und somit einen früheren Handlungszeitraum ausschließt.
Tag Null ist der Wendepunkt in Inas Leben. Der Jugendthriller ist in zwei Teile gespalten: vor und nach dem Prolog. Das erste Kapitel beginnt am 23. Oktober, das zweite Kapitel beginnt dann am nächsten Morgen, sodass bis zum Tag Null ein Countdown entsteht. Danach werden die Tage aufwärts gezählt. Außerdem gibt es 67 Unterkapitel, zwischen denen die Perspektive wechselt. Im Gegensatz zu den ersten beiden Bänden gibt es hier nur zwei Perspektiven, nämlich die von Ina und die von Aaron. Beide erzählen im Präsens aus der Ich-Perspektive, deswegen wird vor jedem Abschnitt der Name des Erzählers in Großbuchstaben aufgeführt. Der Zeitstrang verläuft jedoch linear, sodass die beiden sich beim Erzählen abwechseln und nicht überschneiden, ausgenommen von wenigen Sekunden Handlungszeit.
Ina ist die letzte weibliche Protagonistin dieser Trilogie, die übrigens alle sehr ähnliche Namen haben. Vielleicht erinnert ihr euch, dass die vorherigen Hauptfiguren Jana und Sina hießen. Wie auch diese, hat Ina eine besondere Leidenschaft. War es bei Jana das Zeichnen und bei Sina das Basketball spielen, ist es bei Ina das Motorrad fahren. Außerdem kommt sie aus einem sehr ökologisch orientierten Elternhaus und ist außergewöhnlich tierlieb. Mir hat es besonders gut gefallen, dass sie für eine junge Frau ungewöhnliche Interessen hat, ohne gleich als burschikos dargestellt zu werden. Sie wäre mir fast sympathisch gewesen, wäre da nicht ihre starke Eifersucht. Als sie Aaron und Casey in einer Umarmung sieht, ist sie emotional so geladen, dass sie nicht gerade zur Deeskalation der Situation beiträgt und später geraten Casey und sie dann erneut aneinander. Sie gibt Aaron kaum eine Gelegenheit sich zu rechtfertigen und misstraut ihm von jetzt auf gleich, als würde sie Casey eher glauben als ihm. Letztendlich landen Aaron und Ina auch im Visier der Polizei, weil Ina kurz vor Caseys Tod in der Öffentlichkeit noch ein Handgemenge mit ihr provoziert hat. Hätte sie etwas mehr Reife für ihr Alter bewiesen, hätte sie Aaron und sich wohl einige Anfeindungen erspart.
Mit Aaron bin ich leider noch weniger warm geworden, was vor allem an seiner sprachlichen Darstellung lag. Wenn zwei Protagonisten aus der Ich-Perspektive erzählen, sollten idealerweise zwischen beiden so große sprachliche Unterschiede liegen, dass man sie problemlos differenzieren kann. Das ist eigentlich besonders gut möglich, wenn sie unterschiedlichen Geschlechts sind. Hier ist es allerdings vollkommen misslungen, denn außer ein paar gekürzten Worten, besitzt Aaron kaum Individualität. Im Gegenteil: Seine Formulierungen sind teilweise zu blumig und zu metaphorisch für einen jungen Mann und besitzen eher Clarks weibliche Handschrift. So beschreibt er beispielsweise einmal, dass ihm etwas die Luft abschnüren würde wie ein zu strammes Korsett. Macht jetzt bitte nicht den Fehler und stellt euch einen jungen Mann im Korsett vor, der leicht bläulich anläuft, das nimmt der Szene dann jede Seriosität. Aber vielleicht ist Aaron auch einfach ein feminin angehauchter Typ, wer weiß?
Ein weiterer Kritikpunkt wäre die Darstellung der Medien, die hier gänzlich realitätsfremd ist. So soll die Presse während laufender Ermittlungen Verdächtige namentlich und bildlich abgedruckt und Ermittlungsdetails veröffentlicht haben, was der Polizei eher Steine in den Weg legen würde und von dieser umgehend verurteilt worden wäre. Außerdem werden die Informationen normalerweise streng unter Verschluss gehalten. Zwar beschuldigt Aaron die Polizei einen Spitzel in ihren Reihen zu haben, doch das wird mit einem Schulterzucken einfach hingenommen. Als vor dem Präsidium ein Mob an Wutbürgern Hassparolen über Aaron ruft, unternimmt die Polizei weder etwas, um den Mob aufzulösen, noch um Aaron vehement davon abzuhalten vor die Tür zu treten und mit Steinen beworfen zu werden. Dazu kommt, dass auf Facebook angeblich alle Kommentare Shitstorms gegen Aaron seien, nur Ina ihn in Schutz nimmt und dafür direkt verbal attackiert wird. Die Realität sieht aus: Heute noch habe ich einen Artikel über einen Hausarzt gelesen, der von einer Patientin wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt wurde. Es wurde weder der Name des Arztes oder der Patientin, noch Bilder von ihm oder seiner Praxis abgebildet. Die einzige Information war die Nennung des Ortsteils, in dem sich die Praxis befindet. Ginge es nach Clark, wäre die Kommentarspalte voll mit Beleidigungen, Wut und Hass. In Wahrheit waren die Top-Kommentare aber eine Frau, die kritisierte, dass die Nennung des Ortsteils bereits grenzwertig sei, da sich in diesem nur zwei Hausarztpraxen befänden und die Zeitung selber, die in ihrem Kommentar noch einmal auf die Unschuldsvermutung aufmerksam machte und darüber informierte, dass beleidigende Kommentare umgehend gelöscht werden. Doch wie schon in „Sei lieb und büße“ kombiniert Clark einfach Überdramatisierung mit Realitätsferne und versucht sich ohne großen Erfolg an Gesellschaftskritik.
Zu „Singe, fliege, Vöglein, stirb“ habe ich mir selbst bereits zwei Rezensionen von Booktuberinnen angeschaut und beide waren sich einig, dass sie bei der Vermutung, wer der Täter war, falsch gelegen hatten und die Auflösung nicht vorhersehbar sei. Dem muss ich persönlich widersprechen. Noch schneller als bei „Schweig still, süßer Mund“ hatte ich einen Verdacht, der sich letztendlich auch bestätigt hat. Es war für mich keine große Überraschung, denn noch vor Seite 50 werden im Abstand von nicht einmal zehn Zeilen zwei offensichtliche Zusammenhänge genannt, die den Täter für mich schon nahezu entlarvt haben. Als im weiteren Verlauf dann versucht wurde in alle möglichen Richtungen falsche Fährten zu legen, hat mich das Ganze so stark an den ersten Band erinnert, dass ich mir ab dem zweiten Drittel nahezu sicher war den Täter zu kennen. Ab diesem Punkt wurde der Jugendthriller für mich auch wahnsinnig langatmig, weil die meisten Passagen aus Dialogen bestehen, die Hypothesen und Theorien über potenzielle Täter und Tathergänge auftischen, während ich mir sicher war, dass die meisten davon nur Gespräche sind, die den Leser fehlleiten sollen. Durch die letzten 100 Seiten habe ich mich dann weitestgehend gequält, nur getröstet von kleineren gelungenen Plottwists.
Das Ende war für mich trotzdem lesenswert, ich war allerdings auch froh den Jugendthriller durchgelesen zu haben. Übrigens fällt im Tierheim einmalig der Name Ella bezüglich einer Mitarbeiterin. Wer „Schweig still, süßer Mund“ schon gelesen hat hat, weiß, dass Ella dort das Entführungsopfer ist, die außerdem als Tierschützerin bekannt ist und privat Katzen aufgezogen hat. Jedoch liegen München und Elland weit auseinander, deshalb würde mich interessieren, ob es sich um dieselbe Ella handeln könnte oder zwei unterschiedliche Personen.

Fazit
Singe, fliege, Vöglein, stirb“, würde ich, trotz einiger Fehler, nicht als schlechten Jugendthriller bezeichnen, sondern eher als passabel. Er hatte einfach nicht mehr zu bieten als seine Vorgänger. Es gibt Ähnliches zu bemängeln wie bei den anderen Bänden: Sprachlich mäßig, überdramatisiert und einen für mich recht offensichtlichen Täter, sodass die Spannung vor allem in der zweiten Hälfte verloren ging. Wer jedoch von Janet Clark hinters Licht geführt werden kann, wird den letzten Band vielleicht sogar gut finden können. Mein persönlicher Favorit der Trilogie ist „Sei lieb und büße“ und wahrscheinlich empfehlenswerter, weil Clark von Anfang an Gut von Böse trennt und nicht darauf abzielt, den Täter bis zum Ende geheim zu halten, was bei mir offensichtlich auch nicht sonderlich gut funktioniert hat. Aus diesem Grund gebe ich „Singe, fliege, Vöglein, stirb“ zwei von fünf Herzen. Aktuell schreibt Clark an einer neuen Jugendtrilogie, von der dieses Jahr der erste Band namens „Ewig dein“ erschienen ist. Vorerst werde ich mir diese allerdings nicht anschaffen, da mir der Klappentext nicht sonderlich zusagt. Eventuell werde ich meine Meinung nach Abschluss der Reihe aber noch einmal überdenken.

♥♥