Montag, 18. September 2017

Rezension „Schweig still, süßer Mund“

Wo ist Ella?

Meine September-Rezension 2017



„Noch immer zitterte sie wie Espenlaub. Mit einem Schlag war alles wieder da – die Erinnerung an ihre letzten Minuten in Freiheit. Der Streit. Seine Wut. Der Hass in seinen Augen. Endlich wusste sie, wer er war. Endlich wusste sie, warum er sie hier festhielt. Er konnte sie nicht mehr laufen lassen. Der Schrei des Käuzchens ließ sie schaudern. Sie kuschelte sich enger in ihre Ecke und zog die Decke über den Kopf. Er wollte kein Geld. Er wollte Rache. Sie war verloren.“
Schon der Klappentext zu „Schweig still, süßer Mund“ von Janet Clark aus dem Jahr 2012 macht sofort Lust auf mehr. Der Jugendthriller hat fast 350 Seiten und ist der erste Teil einer Trilogie, die voneinander unabhängige Geschichten erzählt, also in beliebiger Reihenfolge gelesen werden kann, auch wenn ich nach Erscheinungsjahr vorgegangen bin.

Inhalt

Die 17-jährige Jana Rosenthal wohnt gemeinsam mit ihrer Mutter und älteren Schwester Miriam in einem kleinen Reihenhaus in München. Da sie einmal sitzen geblieben ist, besucht sie den zweiten Jahrgang der Oberstufe gemeinsam mit ihrem besten Freund Fabian Weindl. Außerdem trauert sie noch ihrem Exfreund Marco hinterher. Soweit ein ziemlich normales Leben für eine Teenagerin. Doch dann verschwindet ihre beste Freundin, die 18-jährige Elisabeth Angermaier, kurz Ella, am Montag, dem siebten März 2011 spurlos. Jana ist sich sicher, das etwas Schlimmes passiert sein muss, doch außer ihr scheint niemand sonderlich besorgt zu sein und auch die Polizei verweigert ihre Unterstützung, da Ella bereits volljährig ist. Also macht sie sich auf eigene Faust auf die Suche nach Ella und bringt sich damit selbst in Gefahr.

Cover
Das Cover spricht im ersten Moment nicht gerade für einen Jugendthriller. Auf weißem Grund sind kleine Rosenknospen, -blätter und blühende Rosen und Pfingstrosen illustriert. Erst auf dem zweiten Blick entdeckt man den asymmetrischen schwarzen Rand und die Schrift des Titels, die an eine schnelle und brutale Handschrift erinnert, als wäre der Verfasser voller Zorn gewesen. Auch der Titel an sich bietet mit dem Adjektiv „süß“ ein Paradoxon. Ich denke das Cover soll symbolisch dafür stehen, dass auch Jana die bedrohliche Situation, in der sie sich im Verlauf des Buches befindet, übersieht. Eine gelungene Idee für einen Jugendthriller mit einer weiblichen Protagonistin.

Kritik
„Ich habe es getan.“, ist der erste Satz des Prologs. Ein Geständnis, das der Täter macht. Er hat ein Mädchen umgebracht und im Moor versenkt. Wer sie ist, bleibt unklar, genauso wie seine eigene Identität. Als Erzähler in der Ich-Perspektive taucht er einige Male in kurzen Abschnitten des Jugendthrillers auf. Desweiteren gibt es zwei personale Erzähler im Präteritum: Jana und Ella, wobei Jana die Protagonistin ist und damit den mit Abstand längsten Erzählstrang hat. Die Kapitel sind in Daten der Handlungstage unterteilt und gehen vom Donnerstag, dem dritten März bis zum Donnerstag, dem 21. April, obwohl das vorletzte Kapitel am Donnerstag, dem 31. März spielt. Ab Samstag, dem 12. März beginnt Jana ihrer besten Freundin Mails zu schicken, um ihre Gefühle niederzuschreiben, auch wenn diese natürlich nicht antwortet. Danach beginnt fast jedes Kapitel mit einer Mail von Jana an Ella, ihren Vater oder von ihrem Vater an sie.
Im ersten Kapitel lernt man die beiden besten Freundinnen gemeinsam kennen, wie sie nach dem Feiern in ihrer Stammkneipe Essen gehen. Jana ist ein rothaariges Mädchen, das nicht besonders gut in der Schule ist und um eine glatte Vier schon kämpfen muss. Außerdem ist sie ziemlich tollpatschig und hat ein besonderes Talent für Kunst, weswegen sie auch den entsprechenden Leistungskurs belegt hat. Ella dagegen besucht ein anderes Gymnasium, ist im letzten Jahr der Oberstufe und belegt den Chemie-LK. Sie ist groß, schlank, blond, hübsch, kommt aus einem sehr reichen Elternhaus und besitzt ein Taschengeld, das so manch ein Erwachsener nicht als Monatsgehalt bekommt. Ihre Eltern sind auf Weltreise, weshalb sie alleine wohnt. Ihre große Leidenschaft ist das Theater spielen, ein Schauspielstudium hat sie bereits in Aussicht. Bei Ella läuft anscheinend alles perfekt. Doch schon am Anfang bemerkt Jana, dass Ella ihr irgendetwas zu verschweigen scheint. Mir persönlich hat es gut gefallen, dass Jana als Protagonistin gewählt wurde. Das Mädchen, das immer in Ellas Schatten steht, wo in Jugendromanen doch häufig die beste Freundin das Anhängsel ist, das zur Protagonistin aufschaut. Zwar konnte ich mich wenig mit ihr identfizieren, das eigentliche Problem für mich war jedoch, dass die Dialoge in „Schweig still, süßer Mund“ manchmal stark überzogen wirkten. Gerade Jana, aber auch andere Charaktere fingen in einer normal wirkenden Unterhaltung plötzlich an zu brüllen, wütend auf den Tisch zu hauen oder sogar etwas zu zerstören, beziehungsweise laut an zu lachen, obwohl die Situation nicht einmal sonderlich witzig war. Jana scheint mir ihren 17 Jahren ein pubertär massiver Spätzünder zu sein. Insgesamt wirken die Charaktere emotional sehr sprunghaft und überspitzt, sodass ich machmal stutzen musste und mich fragte, ob ich mich in der literarischen Irrenanstalt befand oder ob die Charaktere einfach nur allesamt seit drei Tagen nicht mehr geschlafen hatten.
Im Rahmen ihrer Suche eröffnen Jana, Miriam und Fabian im Buch zusammen die Homepage www.wo-ist-ella.de, um deutschlandweit Augenzeugen zu finden. Tatsächlich gibt es diese Internetseite wirklich, auf der man sowohl Informationen über Buch, Autorin und Rezensionen entdecken kann, als auch Steckbriefe der sechs wichtigsten Charaktere, Hinweise auf Ellas Verbleib in fiktiven Kommentaren, die teilweise auch im Buch nachlesbar sind und allgemeine Informationen über Vermisstenanzeigen. Auch wenn das letzte Update der Seite im April 2012 war, ist es ein gelungenes Extra zum Jugendthriller und mit etwas Glück antwortet Janet Clark sogar heute noch persönlich auf euren Kommentar.
Je weiter ich im Buch kam, umso mehr Parallelen fielen mir jedch zu einem anderen Jugendthriller aus dem Jahr 2003 auf: „Der Erdbeerpflücker“ von Monika Feth. Auch dort macht sich die Protagonistin auf die Suche nach dem Mörder ihrer Freundin und zieht damit seine Aufmerksamkeit auf sich. Deswegen hatte ich während des Lesens häufig ein Déja-vu oder vielmehr ein Déja-lit. Auch mein eindeutiger Verdacht, den ich nach bereits etwa 100 Seiten hatte, wer der Täter in „Schweig still, süßer Mund“ ist, hat sich letztendlich bestätigt, weshalb sich für mich die Spannung in Grenzen hielt. Clark verpasst die Chance latente Hinweise auf den Täter zu geben, sondern winkt unfreiwillig mit einem unübersehbaren Zaunpfahl und schlägt ihn anschließend dem Leser ins Gesicht, damit auch der letzte bloß keinen allzu großen Überraschungsmoment erlebt. Letztendlich offenbart sie seine Identität dann etwa 100 Seiten vor dem Ende, als hätte sie selbst bemerkt, dass es ohnehin schon jeder weiß. Nicht nur beim Täter, sondern auch beim blonden Mädchen, das ein Kellner eines Cafés zusammen mit Ella gesehen haben soll, war mir ziemlich schnell klar, um wen es sich handelt, gerade weil diese Person extrem auffällig reagiert, als sie von Jana darauf angesprochen wird. Jana selbst schöpft jedoch nicht den geringsten Verdacht, was sie schon als selten dämlich dastehen lässt. Aber gut, sie hat schließlich auch Probleme damit, das Abitur zu bestehen.
Clarks Schreibstil ist sehr schlicht und flapsig, typisch für einen Jugendroman. Ob eine Phrase wie „Chill mal“, aber unbedingt sein muss, lass ich jetzt mal offen. Auf Beschreibung von Details wird verzichtet, die Handlungsorte drehen sich ständig im Kreis und der Fokus liegt auf den Dialogen.
Das Ende hielt dann doch noch eine kleine Überraschung bereit, der ich aber neutral gegenüber stand. Es war nicht sonderlich spannend, ziemlich abrupt und einige Fragen blieben offen, die mich und wahrscheinlich viele andere Leser eher irritiert zurück ließen. Im Großen und Ganzen hätte ich mir doch mehr von der anfangs vielversprechenden Geschichte erhofft.

Fazit
Ein schlechterer Abklatsch von Monika Feths „Der Erdbeerpflücker“, so lässt sich „Schweig still, süßer Mund“ von Janet Clark am besten in einem Satz beschreiben. Es ist einfach zu viel schief gelaufen: Die sprunghaften Emotionen, die saloppe Sprache, die fehlende Individualität des Plots, der offensichtliche Täter und die daraus resultierende mangelnde Spannung sowie das größtenteils misslungene Ende. Trotzdem sehe ich in der Geschichte ein gewisses Potenzial, das stellenweise auch ausgereizt werden konnte, wodurch kleinere Plottwists gelungen sind. Außerdem bin ich mit meinen Anfang 20 schon über meine persönliche Altersempfehlung von 14-18 Jahren hinaus. Ich denke, dass dieser Jugendthriller vor allem etwas für Mädchen ist, die noch Anfänger in diesem Genre sind und sich langsam an richtige Thriller herantasten wollen. Da die Fortsetzung „Sei lieb und büße“ allerdings eine von Jana unabhängige Geschichte erzählt, gebe ich Clarks Trilogie noch eine zweite Chance. „Schweig still, süßer Mund“ kann ich jedoch nur eingeschränkt empfehlen und zwei von fünf Herzen geben.

♥♥