Dienstag, 5. September 2017

Extra „Ein ganzes halbes Jahr“

Acht Diskussionsfragen zu „Ein ganzes halbes Jahr“

Wenn die Geschichte einen noch nicht loslässt



Eine Woche ist es nun her, dass ich „Ein ganzes halbes Jahr“ von Jojo Moyes beendet und rezensiert habe. Meine Gedanken kreisen immer noch um die Geschichte, was für mich sehr ungewöhnlich ist. Irgendwie hatte ich noch das Bedürfnis mich weiterhin mit Lou und Will zu beschäftigen und ich denke, dass es vielen anderen Lesern ähnlich geht. Also habe ich acht Diskussionsfragen für mich beantwortet und fordere euch dazu auf, sie ebenfalls für euch zu beantworten und eure Antworten gegebenenfalls zu kommentieren. Aber Vorsicht, denn die Fragen setzen voraus, dass ihr den Liebesroman gelesen habt. Ansonsten werdet ihr von vorne bis hinten gespoilert.


1. Als Lou und Will sich zum ersten Mal treffen, reagiert er sehr ablehnend auf sie. Er spielt ihr sogar einen gemeinen Streich. Was war jeweils dein erster Eindruck von Will und Lou? Hat sich deine Meinung über die beiden im Laufe des Buches verändert?
Mein erster Eindruck von Will war eindeutig negativ. Er machte Lou absichtlich das Leben schwer und zeigte ihr gerne seine intellektuelle Überlegenheit. Jedoch hat mir diese Darstellung auch durchaus gefallen, da sie das Klischee des bemitleidenswerten körperlich Behinderten brach. Den meisten Kindern wird beigebracht, dass Menschen, die an den Rollstuhl gefesselt sind, ein schweres Schicksal haben. Vor dem geistigen Auge bildet sich das Bild eines traurigen Menschen, der sich nach freundlichen Worten und Gesten sehnt. Dass auch Rollstuhlfahrer unausstehliche Charaktere sein können, kommt den meisten gar nicht in den Sinn. Doch natürlich wandelte sich dieser Eindruck nach einigen Seiten. Wills Depression und Resignation sind nachvollziehbar, je länger man liest. Es wird deutlich, dass er zu Louisa nur so abweisend war, weil er den Kompromiss mit seiner Mutter, sechs weitere Monate zu leben nur widerwillig angenommen hat. Er hatte absolut keine Lust auf einen Umstimmungsversuch und wollte auch keine Person an seinem Privatleben teilhaben lassen. Dass sich seine Einstellung noch verändert hat, ist allein der Verdienst von Lou und ihrer liebenswürdigen Persönlichkeit.

2. Will und Lou üben einen großen Einfluss aufeinander aus. Wie verändern sich ihre Leben, nachdem sie sich getroffen haben? Auf welche Weise beeinflussen sie sich gegenseitig?

Die beiden übten zweifelsfrei einen positiven Einfluss auf den jeweils anderen aus. Wie schon in der Rezension beschrieben, bilden sie starke Kontraste. Umso mehr Punkte gibt es, bei denen sie eine symbiotische Verbindung aufbauen können. Will zeigte Lou vor allem Weltoffenheit und Strebsamkeit: Sie schauten außergewöhnliche internationale Filme, die nicht einmal auf Englisch synchronisiert wurden und deswegen mit Untertitel gesehen werden mussten, er lieh ihr Klassiker der Weltliteratur aus, im Urlaub auf Mauritius forderte er sie dazu auf einen Tauchkurs zu machen und er brachte sie letztendlich auch dazu ihre Leidenschaft für Mode zu verfolgen und sich für einen Studiengang zu immatrikulieren.
Lou brachte ihm dafür persönliche Eigenschaften bei wie Genügsamkeit, Optimismus und teilweise auch wieder Lebensfreude. Ihre quirlige Art sprang auf Will über und ließ ihn fröhlicher werden, sodass er die gemeinsamen sechs Monate später als die schönsten seines Lebens bezeichnete.

3. Als Lou von Wills Entscheidung erfährt, sein Leben mit Hilfe von Dignitas zu beenden, ist sie entsetzt darüber, dass seine Mutter Camilla bereit ist, ihren Sohn dabei zu unterstützen. Lou hält das anfangs für herzlos, eine Ansicht, die von anderen Figuren wie Georgina und Lous Mutter geteilt wird. Was denkst du über Camilla? Hälst du dieses Urteil für berechtigt?

Nein, ich halte dieses Urteil nicht für berechtigt, auch wenn man auf den ersten Blick darauf schließen könnte. Camilla ist eine Frau mit einer bemerkenswerten Karriere als Richterin. Auch wenn sie im ersten Moment kühl und unnahbar wirkt, ist sie doch ein emotionaler Mensch, der dies jedoch nur selten offen zeigen kann. Wills Situation und sein Wunsch auf den Freitod überforderten sie jedoch stark. Das wird vor allem in Kapitel 8 deutlich, das in ihrer Perspektive geschrieben ist. Ihr aufbrausendes und zorniges Verhalten Lou gegenüber unterstreicht dies noch mehr: Lou war Camillas letzte Hoffnung auf das Leben ihres Sohnes. Ihre Wut zeigte nur, wie verzweifelt sie sich wünschte, dass Will sich noch umentschieden hätte. Sie hat um sein Leben stärker gekämpft als ihr Mann. Sie war diejenige, die mit Will die sechs Monate verhandelt hatte. Sie war diejenige, die Lou eingestellt hat, in der Hoffnung diese könnte ihn umstimmen. Sie hat weder Kosten noch Mühen gescheut und sich bei Lou ständig nach Fortschritten erkundigt. Und sie war auch dienjenige, die am Flughafen in Ohnmacht gefallen ist, als Lou ihr nach dem Urlaub gestand, dass Will sich weiterhin umbringen möchte. Sie als herzlos zu bezeichnen wäre also vollkommen unangebracht, vor allem da sie letztendlich den Wunsch ihres Sohnes akzeptiert und ihm zugestanden hat sein Leiden durch Dignitas zu beenden.

4. Sowohl Will als auch Lou ist etwas Schreckliches zugestoßen, das ihr jeweiliges Leben verändert hat – Wills Unfall und Lous traumatisches Erlebnis im Schlosslabyrinth. In welcher Hinsicht ähneln bzw. unterscheiden sich ihre Reaktionen auf diese Erfahrung?

Zunächst einmal ist es schwierig die beiden Vorfälle zu vergleichen, da sie vollkommen unterschiedliche Konsequenzen hatten. Die große Gemeinsamkeit ist für mich, dass beide nur sehr ungerne darüber redeten. Lou vertraute sich das allererste Mal Will an, zuvor wusste es nur Treena, weil diese sie im Labyrinth gefunden hatte. Wenn Will über seine Krankheit sprach, machte er dies fast ausschließlich unter der Verwendung von Sarkasmus. Oft verschwieg er jedoch, dass er aktuell unter Schmerzen litt.
Ein Unterschied ist für mich der persönliche Umgang mit diesem Erlebnis. Lou hatte ihr Trauma lange Zeit verdrängt, nicht einmal ihre Eltern wussten, was passiert ist. Bei dem Anblick des Labyrinths kamen die Erinnerungen jedoch wieder hoch und zeigten, dass sie diesen Vorfall noch nicht verarbeitet hatte. Will dagegen wird durch die Konsequenzen des Unfalls jeden Tag daran erinnert. Für ihn ist nicht der Unfall selbst, sondern die daraus resultierende Tetraplegie die psychische Belastung. Dass er letztendlich aufhörte an eine Besserung seines Zustandes zu glauben, was leider sehr realistisch ist, beweist, dass er sich im Gegensatz zu Lou sehr stark mit seiner Situation beschäftigt hat. Ein weiterer Unterschied ist, dass Will Lou helfen konnte ihr Trauma zu überwinden und ihr Leben normal weiterzuführen, was umgekehrt nicht der Fall ist. Lou gesteht Will auf Mauritius ihre Liebe und auch er erwidert diese Gefühle. Trotzdem konnte er sich mit seinem Schicksal nicht abfinden und ging letztendlich zu Dignitas.

5. Als sein Pfleger und Freund ist auch Nathan sehr wichtig in Wills Leben. Wie bedeutend ist seine Rolle im Roman? Wie beeinflusst er das Verhältnis zwischen Will, Lou und Wills Eltern?

Nathan ist mein persönlicher Lieblingscharakter in „Ein ganzes halbes Jahr“. Aufgrund seiner fachlichen Kompetenz und beruflichen Erfahrung, war er anfangs das Bindeglied zwischen Lou und Will. Er versuchte einerseits Will dazu zu bringen, freundlicher zu Lou zu sein, während er ihr erklärte, wieso Will so abweisend war. Wenn Lou oder Wills Eltern an ihre fachlichen Grenzen kamen, wusste Nathan immer was zu tun war und kümmerte sich stets um Wills pflegerische und medizinische Bedürfnisse. Er schlug damit auch eine Brücke zwischen beiden Parteien. Besonders prägend fand ich den Dialog zwischen ihm und Lou, als beide in der Küche des Anbaus saßen, nachdem der Flug nach Kalifornien abgesagt werden musste, weil Will eine Lungenentzündung hatte. Dort gab Nathan zu von Wills Vorhaben zu wissen in die Schweiz zu fahren und prophezeite Lou, dass ihr Plan Will umzustimmen scheitern wird. Lou reagierte sehr zornig, da sie sich persönlich angegriffen fühlte. Meiner Meinung nach hatte Nathan aber nur versucht Lou vor zu großen Hoffnungen und Gefühlen zu schützen, da er aufgrund seines Berufes die Lage deutlich besser einschätzen konnte. In Kapitel 19, das aus Nathans Perspektive geschrieben ist, wird klar, dass er Lous Gefühle zu Will längst erkannt hatte, dass er herzensgut ist und dass er sich nicht vor Überstunden scheute, um Will zu helfen. Außerdem sagt Nathan den für mich besten Satz im gesamten Roman: „Scheißt der Bär in den Wald?“

6. Lou hat, trotz ihrer häufigen Streitereien mit ihrer Schwester Treena, ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Familie. Welchen Einfluss hat die Familie auf Lous Entscheidungen? Beispielsweise darauf, die Stelle bei den Traynors auch dann noch zu behalten, als sie erfährt, warum sie nur für sechs Monate angestellt ist? Oder darauf, in die Schweiz zu fahren, um Will beizustehen?

Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Es gibt viele Themen, die Lou erst gar nicht vor ihrer Familie anspricht, wie beispielsweise das Trauma im Schlosslabyrinth oder dass Will plante in die Schweiz zu fahren. Die erste Person, der sie sich anvertraut, ist immer ihre Schwester Treena und diese hüten dann so mach ein Geheimnis gemeinsam. Aufgrund von fehlenden Informationen gab ihre Familie deshalb manchmal auch eher unkluge Ratschläge, die sie sich vor allem anfangs trotzdem sehr zu Herzen nahm. Sie tat in erster Linie das, was ihre Familie wollte, auch wenn sie dabei ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse hinten anstellen musste. Das erkennt man an dem Beispiel gut, bei dem sie sich dazu entschließt bei den Traynors weiter zu arbeiten, weil ihrem Vater die Arbeitslosigkeit drohte und ihre Schwester ihren Job als Floristin für ein Studium aufgab. Durch Wills Einfluss auf sie, änderte sich jedoch ihr Verhalten und am Ende fand sie den Mut sich ihrer Mutter entgegen zu setzen und zu Will in die Schweiz zu reisen, ein Verhalten, das sie vor Will garantiert nie an den Tag gelegt hätte.


7. Will und Lou kommen aus ganz verschiedenen Welten. Vor seinem Unfall war Wills Leben sehr privilegiert, geprägt von Ehrgeiz und Erfolg, während Lou aus einfachen Verhältnissen stammt und ihr ganzes Leben in ihrer kleinen, wenig aufregenden Heimatstadt verbracht hat. Denkst du, dass sich die beiden ineinander verliebt hätten, wenn sie sich unter anderen Umständen begegnet wären?

Nein, das glaube ich wirklich nicht. Zuerst einmal war Lou eigentlich nicht Wills Beuteschema. Sie ist brünett, klein und etwas mollig, während seine Exfreundin Alicia sowie andere Frauen, die Steven Traynor gesehen hat, eher das typische Model sind: groß, schlank und blond. Allein an der Optik wäre es also vermutlich schon gescheitert. Genau diese Frage wird auch in dem Dialog zwischen Lou und Will aufgegriffen, als beide auf Alicias Hochzeit waren und auch Lou ist der Meinung, dass Will ihr gar keine Beachtung geschenkt hätte, weil sie sich nicht in denselben gesellschaftlichen Kreisen bewegt. Wills Antwort darauf war eine Zustimmung: „,Ja. Aber zu meiner Verteidigung kann ich vorbringen, dass ich ein Arschloch war.“ Ohne den Unfall und Lous Anstellung als Pflegehelferin hätte es zwischen den beiden niemals gefunkt.

8. Wills Wunsch, selbst über seinen Tod zu bestimmen, und Lous Entschlossenheit, ihn davon abzubringen, sind Themen, die sich durch den ganzen Roman ziehen. Was hast du von Wills Entscheidung am Ende gehalten? Hast du damit gerechnet? Findest du, dass der Roman anders hätte ausgehen sollen?

Da ich selbst einen medizinischen Beruf lerne, kann ich wahrscheinlich Wills Beweggründe noch mehr nachvollziehen als Laien. Tetraplegie bedeutet nicht nur totale Abhängigkeit von seinen Mitmenschen und Pflegern, sondern auch fast vollständiger Verlust der Lebensqualität, Demütigungen der Öffentlichkeit, Folgeerkrankungen, nahezu ununterbrochene Schmerzen und keine Aussicht auf Besserung. Deswegen kann ich Wills Entscheidung absolut nachvollziehen, gerade weil er ein so junger und sportlicher Mann war. Bevor ich das Buch gelesen habe, habe ich den Film im Kino gesehen. Bis zum Schluss hatte ich noch gehofft, dass Will sich Lou zuliebe anders entscheiden würde. Als dies dann letztendlich nicht der Fall war, war ich zutiefst ergriffen. Deshalb konnte mich das Ende des Romans aber natürlich nicht mehr überraschen. So traurig, wie ich anfangs war, umso mehr fand ich beim Lesen, also dem zweiten Erleben der Geschichte aber, dass ein anderes Ende, ein erzwungenes Happy End, überhaupt keinen Sinn ergeben hätte. Lou hat ihm ihr Herz geschenkt, allerdings war eine ihn liebende Freundin nicht das, was Will fehlte. Ich glaube, wenn man einfach mal versucht sich in Wills Lage zu versetzen, lässt sich leicht nachvollziehen, dass eine Krankheit wie eine Halswirbelsäulenverletzung mit daraus resultierender Tetraplegie nicht einmal durch eine erfüllte Liebesbeziehung kompensiert werden kann. Auch wenn das Ende traurig ist, ist es doch gerade das, was „Ein ganzes halbes Jahr“ ausmacht. Aus diesem Grund bin ich trotz Wills Tod der Meinung, dass dies das bestmögliche Ende war, das Moyes hätte schreiben können.