Freitag, 11. August 2017

Rezension „Die Anbetung“

Willkommen in Pico Mundo

Meine August-Rezension 2017



„Odd Thomas“ gehört zu einem meiner absoluten Lieblingsfilme, auch wenn ihn außer mir scheinbar niemand kennt. Er vereint Thrillerelemente mit Horror, Fantasy, Action oder auch Romance und ist gleichermaßen witzig wie traurig. Ich liebe es einfach, dass man diesen Film nicht einfach in eine Schublade stecken kann. Als ich vorletztes Jahr dann auf einer Büchermeile zufällig entdeckt habe, dass der Film auf einem Roman aus dem Jahr 2006 basiert, musste ich mir „Die Anbetung“ von Dean Koontz sofort kaufen. Gerade weil letztes Jahr der Hauptdarsteller von Odd Thomas, Anton Yelchin, mit gerade einmal 27 Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist, ist es mir besonders wichtig ihm zu Ehren auf den Mysterythriller aufmerksam zu machen.


Inhalt
Der 20-jährige Odd Thomas lebt in der Wüstenstadt Pico Mundo in Südkalifornien als Koch eines Diners. Er gilt als äußerst sonderbar, was auch kein Wunder ist, denn er kann Tote und sogenannte Bodachs sehen. Letztere sind durchsichtige Schattenwesen, die sich an Leid und Schmerz der Menschen laben. Außerdem plagen Odd nachts Visionen, die ihn teilweise die Zukunft sehen lassen. Nur seine Freundin Bronwen, genannt Stormy, weiß von all seinen Begabungen und unterstützt ihn. Eines Tages betritt ein merkwürdig aussehender Mann das Diner und er hat mehr Bodachs im Schlepptau, als Odd jemals gesehen hat. Er weiß: Wenn er der Sache nicht auf den Grund geht, wird Pico Mundo die größte Katastrophe seiner Geschichte erleben.

Cover
Wer die deutschen Cover von Dean Koontz kennt, weiß, dass auf ihnen fast grundsätzlich ein bei den Menschen eher unbeliebtes Tier abgebildet ist. In diesem Fall ist es auf schwarzem Grund in der Vogelperspektive vermutlich eine Gottesanbeterin. Vermutlich, weil ich das sowohl aus dem Titel, als auch von im Internet gefundenen Fotos von Gottesanbeterinnen ableite. Jedoch kann ich an dieser Stelle nicht für die Richtigkeit meiner Recherche garantieren, denn so gut kenne ich mich dann doch nicht mit Insekten aus. Leider gefällt mir persönlich dieses Cover überhaupt nicht. Zwar sehe ich eine Verbindung zwischen Titel und Foto, jedoch hat der Mysterythriller an sich überhaupt nichts mit Insekten zu tun, vor allem nicht mit Gottesanbeterinnen. Hätte ich in der Buchhandlung gestanden und dieses Cover gesehen, wäre ich einfach daran vorbei gelaufen, weil ich nie mit dieser Handlung gerechnet hätte.

Kritik
„Mein Name ist Odd Thomas.“, ist der erste Satz des Mysterythrillers und offenbart bereits Name des Protagonisten, die Ich-Perspektive als Erzählform und das Präsens als Tempus. Ansonsten ist dieser Satz recht schlicht und zeigt noch nichts vom kreativen und humorvollen Stil, in dem Odd uns vom größten Abenteuer seines Lebens berichtet. Das wird sich in den nächsten knapp 500 Seiten aber noch ändern. Odd trägt nicht nur einen seltsamen Namen, der rhetorisch auch als sprechender Name bezeichnet wird, da der Name Odd auf Englisch so viel bedeutet wie „eigenartig“, obwohl es sich dabei angeblich um einen nie korrigierten Fehler auf seiner Geburtsurkunde handle, da er eigentlich Todd heißen sollte, sondern er führt, aufgrund seiner paranormalen Talente, ein für Außenstehende durchaus eigenartig wirkendes Leben. So überführt er beispielsweise bereits im ersten Kapitel einen ehemaligen Klassenkameraden als Vergewaltiger und Mörder, weil ihm die Tote vor seiner Wohnung erscheint und ihn zu ihrem Peiniger führt. Es geht also schon schnell heftig zur Sache. Der Sheriff Pico Mundos Polizei, Chief Wyatt Porter, weiß zwar nicht wie, aber dass Odd eine Gabe besitzt, die tatsächlich Verbrechen klärt und hilft ihm deswegen, wo er kann. Zwar wirkt Odd auf den ersten Blick wie ein einfältiger Sonderling, jedoch hat er einfach eine vollkommen andere Gedankenstruktur, die auf ihre Weise komplex, aber für viele Menschen nicht nachvollziehbar ist. Koontz gestaltet den Protagonisten so liebevoll, dass man ihn schlicht mögen muss. Odd Thomas gehört nun definitiv zu einem meiner liebsten fiktiven Charaktere.
Auch seine Freundin Stormy habe ich mit ihrer warmherzigen und quirligen Art schnell ins Herz geschlossen. Es besteht von Anfang an kein Zweifel daran, dass sie und Odd das perfekte Traumpaar bilden, gerade weil sie mit ihren schrägen Persönlichkeiten so perfekt zueinander passen. Da kann mancher Liebesroman einpacken!
Die Handlung spielt laut Informationen aus „Die Anbetung“ am Dienstag und Mittwoch, dem 14. und 15. August. Das genaue Jahr konnte ich aufgrund von Widersprüchen im Buch allerdings nicht feststellen. Ein eigentlich eindeutiger Beleg für das Jahr 2004 ist, dass Odds Vermieterin Rosalia Sanchez ihre Angehörigen beim Attentat auf die Twin Towers in New York am 11. September 2001 verloren hat und ihm in der zweiten Hälfte des Mysterythrillers verrät, dass dieses Ereignis im kommenden Monat, also schon sehr bald, bereits drei Jahre her ist. Jedoch waren der 14. und 15. August 2004 ein Samstag und Sonntag. Des Weiteren erfährt man, dass Odds Chefin, Terri Stambaugh, 15 Jahre alt war, als Elvis Presley starb, also am 16. August 1977. Als potenzielles Geburtsjahr kommt für Terri, unter der Annahme, dass sie im Handlungsjahr bereits Geburtstag hatte, nur noch 1962 infrage. Zum Zeitpunkt von „Die Anbetung“ ist sie laut Odd 41 Jahre alt. Damit ist 2003 das einzig mögliche Handlungsjahr, auch wenn es der Aussage von Rosalia und erneut dem Kalender widerspräche, denn die Wochentage wären hier Donnerstag und Freitag. Egal, wie man es dreht und wendet und egal, ob es Koontz' Absicht oder ein Flüchtigkeitsfehler war, hat mich die Erkenntnis, dass die Handlungszeit nur grob zugeordnet werden kann, da es Widersprüche gibt, während des Lesens gestört.
Es gibt ein rhetorisches Mittel, das in „Die Anbetung“ immer wieder Präsenz beweist und das ist die epische Vorausdeutung. Das bedeutet, dass es in einigen Passagen Hinweise auf den Fortgang der Geschichte gibt, was durchaus logisch ist, da Odd die Geschichte retroperspektiv erzählt. Sie sind für den Erstleser teilweise so gut versteckt, dass er sie überliest. Da ich durch den Film den Plot allerdings schon kannte, ist es mir gelungen zwischen den Zeilen zu lesen. Koontz hat diese Sätze so geschickt eingewoben, dass sie sich in die Handlung eingliedern, die ohnehin von Visionen und mysteriösen Ereignissen geprägt ist. Diese epische Vorausdeutung gab es in diesem Sinne im Film nicht, wodurch der Spannungsbogen permanent nach oben gezogen wurde. Im Buch dagegen äußert Odd so manche Sätze, die den Leser schon ahnen lassen, was im Fortgang passieren könnte. Mich persönlich hat das teilweise überrascht, da manche Ereignisse im Film den Zuschauer völlig unvorbereitet getroffen haben und das für mich ein Wow-Effekt war, der den Film so großartig gemacht hat und der im Buch leider gefehlt hat.
Ansonsten ist der Film schon verhältnismäßig nah am Buch, vor allem in der Hauptstory mit vielen liebevollen Details. Ohne zu spoilern nenne ich jetzt kurz die größten Unterschiede: In Odds Wohnung steht ein Pappaufsteller von Elvis Presley, sowohl im Buch als auch im Film. Aber nur im Buch hat Odd auch Kontakt zum toten Elvis, der sich noch nicht von der Welt gelöst hat und als Geist in Pico Mundo lebt. Einige Charaktere sind ebenfalls aus zeitlichen Gründen aus dem Film gestrichen worden, darunter Odds Vater, einige Polizisten, alle Mitarbeiter des Diners bis auf Viola Peabody, Verwandte und Freunde von Wyatt Porter wie Eileen Newfield, die Krankenschwester Jenna Spinelli oder Shamus Cocobolo. Manche Dialoge, beispielsweise einer mit Jenna, wurde im Film anderen Charakteren zugeschrieben, wie in diesem Fall Lysette Rains. Andere Figuren kommen im Film nur peripher oder stark abgeändert vor wie seine Mutter, Little Ozzie oder Rosalia Sanchez, die im Buch große Angst davor hat unsichtbar zu werden und im Film ein „unseen character“ ist, was ein durchaus gut durchdachter Wink an all jene ist, die die Buchvorlage kennen. Manche Situationen werden im Film auch anders gelöst als im Buch, auch wenn das Resultat dasselbe bleibt, aber dazu kann ich leider nicht mehr verraten.
Wie bereits erwähnt spielt der Mysterythriller in zwei Tagen, die Koontz perfekt strukturiert hat, denn Mitternacht, also der Schnittpunkt beider Tage, liegt ziemlich genau in der Mitte des Buches und wer pausenlos lesen würde und dazu ein für einen Hobbyleser übliches Lesetempo hat, würde diese Geschichte in Echtzeit erleben. Leider schreibt Koontz hier mit angezogener Handbremse. Der Spannungsbogen baut sich erst ab der zweiten Hälfte auf und wird durch die Szene, in der Odd seine Mutter besucht und die vollkommen irrelevant für die Geschichte ist, erheblich gedämpft.
Das Ende konnte mich, da ich den Film mehrmals gesehen habe, nicht mehr überraschen. Trotzdem hat es mich ergriffen und mir einen Schauer über den Rücken gejagt. Für mich ist das Ende nach wie vor das Eindrucksvollste am gesamten Werk. Ich verspreche euch: Es ist einzigartig, bleibt noch lange im Gedächtnis hängen und lässt die Geschichte von Odd Thomas zu etwas ganz Besonderem werden.

Fazit
Am Ende von „Die Anbetung“ gibt es keinerlei Andeutung auf eine Fortsetzung, auch wenn es inzwischen schon sieben Bände und eine Zusatzgeschichte von Odd Thomas gibt und Koontz seit 2014 nur noch Bücher über ihn veröffentlicht hat. Auch der Film wurde nicht fortgesetzt, zum einen, da das geschätzte Budget von 27 Mio. US-Dollarn nicht wieder eingenommen werden konnte und zum anderen, weil 2016 der Hauptdarsteller tödlich verunglückte.
Der Mysterythriller ist an sich vollkommen rund und abgeschlossen, sodass ich nicht das Bedürfnis habe, mich den Fortsetzungen zu widmen. Ich bin mir sicher, dass nichts an dieses Ende herankommen kann, vor allem weil andere Rezensenten eher ihre Enttäuschung über die Fortsetzungen ausgedrückt haben.
Tatsächlich fand ich den Film „Odd Thomas“ noch besser, da im Buch die epischen Vorausdeutungen für meinen Geschmack ein Hauch zu viel waren, die Geschichte zu spät an Fahrt aufnahm, die Szene mit seiner Mutter gewissermaßen unnötig und mir der Widerspruch mit dem Handlungsjahr ein Dorn im Auge war. Trotzdem ist „Die Anbetung“ ein guter Mysterythriller, den ich primär denjenigen empfehlen kann, die den Film nicht kennen, der übrigens sehr sehenswert ist. Obwohl ich den Film schon kannte, habe ich trotzdem noch etwas Spaß mit der Geschichte gehabt. Deswegen gebe ich „Die Anbetung“ drei von fünf Herzen.

♥♥♥