Samstag, 15. Juli 2017

Rezension „Im Herzen die Gier“

Aus Blut erweckt

Meine Juli-Rezension 2017



„Wir alle tun Dinge, die uns irgendwann leidtun – aber manche büßen mehr als andere.“
So steht es im Klappentext von „Im Herzen die Gier“ von Elizabeth Miles kursiv geschrieben. Es stimmt: Jeder hat schon einmal etwas gesagt oder getan, was seine Mitmenschen verletzt oder unfair behandelt hat. Jeder hat schon einmal sein zweites Gesicht gezeigt. Und jeder wusste im Nachhinein, dass er einen Fehler gemacht hat. Im dritten und letzten Band der Furien-Trilogie aus dem Jahr 2014 geht es um die Konsequenzen dieser Taten, vor allem wenn man das Pech hat von Rachegöttinnen verfolgt zu werden.


Inhalt
Nach Dreas Tod durch den Brand der Turnhalle fällt Emily in ein tiefes Loch. Wie soll sie ohne ihre Freundin den Bann der Furien lösen? Hat sie überhaupt noch eine Chance zu gewinnen oder ist ihr Todesurteil bereits gefällt worden? Ihre letzte Hoffnung ist ihr Freund Crow, der ebenfalls von den Furien weiß und von Visionen geplagt wird, mit denen er bruchstückhaft in die Zukunft blicken kann.
Emilys bester Freund JD begreift, dass der Streit zwischen den beiden endlich ein Ende haben muss. Er plant sich mit ihr zu versöhnen und ihr seine Liebe zu gestehen. Dabei beginnt auch er langsam zu begreifen, dass Emilys Wesenswandel übernatürlichen Ursachen zugrunde liegt. Bei seinen Erforschungen kommt er den Furien gefährlich nah.

Cover
Verglichen mit den anderen beiden Covern der Trilogie ist dieses hier mein Platz zwei. Es sind die gleichen Abweichungen wie zuvor. Dieses Mal ist der Hintergrund hell- und dunkelgrün längsgestreift und eine dritte junge Frau ist abgelichtet. Ihr Kopf ist nach rechts gedreht, sodass ihr Profil erkennbar ist. Ihre kurzen hellbraunen Haare sind wellenförmig gegelt. Passend zu ihrer Perlenhalskette trägt sie einen Perlenohrstecker. Ausnahmsweise hat sie keine roten Lippen, dafür aber wieder Smoky Eyes. In ihrer linken Hand, die leicht verkrampft ist, wodurch ihre Knöchel weiß hervortreten, hält sie eine dunkelrote Teetasse mit gelbem Blumenmuster. Sie trägt ein cremefarbenes kurzärmeliges Kleid mit Raffungen, das an ihrer Brust neben ihrem linken Unterarm von einem weißen Band durchgezogen ist.
Auch wenn dieses Cover nur die Silbermedaille erhält, gehört die Trilogie rein optisch insgesamt zu einem meiner liebsten Werke.

Kritik
Der letzte Band der Trilogie ist mit knapp 350 Seiten der kürzeste. Die Struktur bleibt wieder dieselbe: Dreiakter mit Prolog, Präteritum und ein personaler Erzähler von zwei sich abwechselnden Protagonisten. Dazu kann ich direkt sagen, dass der Prolog leider nicht so bedingungslos packend ist wie in den ersten beiden Bänden. Denn in diesen wurden die Namen der handelnden Personen nicht erwähnt, die am Ende des Prologs augenscheinlich in Lebensgefahr schwebten oder sogar verstorben sind. Dieses Mal geht es lediglich um Crow, der von einer Vision heimgesucht wird.
„Im Herzen die Gier“ beginnt nur wenige Tage nach dem Ende des Vorgängers, während zwischen Band eins und zwei etwa ein Monat Zeit verstrichen ist. Da Skylar, die Protagonistin aus „Im Herzen der Zorn“ die Rache der Furien knapp überlebt hat, bin ich zuerst davon ausgegangen, dass sie weiterhin den Erzählstrang parallel zu Emily behält. Dem ist, zu meiner positiven Überraschung, aber nicht so. Mit JD, Emilys bestem Freund und Nachbarn, hat Miles einen meiner persönlichen Lieblingscharaktere zum neuen Protagonisten gemacht. Trotz seines gelegentlich aufbrausenden Verhaltens, war er mir viel sympathischer als Skylar und hat mir das Lesen sehr erleichtert.
Von Emily dagegen war ich ein wenig enttäuscht. Sie verwandelt sich, wie schon am Ende von Band zwei bekannt wurde, in eine Furie. Doch außerhalb ihrer Wutausbrüche und ihrer wachsenden körperlichen Stärke, fehlte mir die charakterliche Veränderung. Der Tiefgang des Wandels, beispielsweise in Form von inneren Konflikten, blieb weitestgehend aus.
Außerdem war ich davon ausgegangen, dass jede Furie in jeweils einem Band ihren großen Auftritt hat: Ty in „Im Herzen die Rache“, in der Fortsetzung dann Meg, da Megaira die Göttin des Zornes ist, und zu guter letzt Ali. Doch leider steht im letzten Band eher wieder Ty im Mittelpunkt des Geschehens. Viel lieber hätte ich aber noch Ali besser kennen gelernt, bevor die Reihe ein Ende findet.
Der erste Akt hat mich, auch dank Miles' malerischem Schreibstil, mit dem sie die düstere Atmosphäre Ascensions perfekt eingefangen hat, sofort wieder gefesselt. Akt zwei lässt dann jedoch an Tempo nach. Die Charaktere laufen kopflos im Kreis, viele Dialoge sind künstlich in die Länge gezogen oder überdramatisiert und erst ab der zweiten Hälfte des Aktes kommt es zu relevanten Ereignissen, die den Plot vorantreiben und auf das Finale zusteuern. „Im Herzen die Gier“ ist also der erste Band, in dem mir langatmige Szenen aufgefallen sind.
Bevor ich meine Meinung zum großen Finale äußere, muss ich an dieser Stelle noch Kritik bezüglich einiger allgemeiner Fehler äußern. Erstens: In Kapitel 16 wird die Familie Fount, zu der auch JD gehört, einmalig Familie Font genannt. Das ist allerdings nur ein kleiner Tippfehler, der, da ich die Erstauflage gelesen habe, eventuell später behoben wurde. Ich wollte es aber trotzdem kurz erwähnen, weil der Fehler mich an eine meiner anderen Rezensionen erinnert hat, in der mir ein sehr ähnlicher Fehler aufgefallen ist. So etwas scheint also kein Einzelfall gewesen zu sein, wenn auch nicht wirklich dramatisch.
Zweitens: Miles scheint offensichtlich nicht immer allzu gut in der Schule aufgepasst zu haben. „Wir haben natürlich alle so unsere Theorien‘, antwortete sie und starrte auf den Platz hinter Em, wo die wild wuchernde Vegetation sich unter den schweren Glasscheiben selbst den Sauerstoff nahm.“, heißt es am Ende von Kapitel 10. Ist euch der inhaltliche Fehler aufgefallen? Falls nicht, solltet ihr vielleicht noch einmal den Biologieunterricht der neunten Klasse besuchen oder im Internet einen Artikel über Fotosynthese lesen. Denn grüne Pflanzen leben nicht von Sauerstoff, sondern von Kohlenstoffdioxid. Sauerstoff brauchen Pflanzen nur im verschwindend geringen Maße. Sie produzieren mehr als sie selbst verbrauchen. Der Fehler ist durchaus gravierend, aber noch nichts gegen den nächsten Schnitzer.
Drittens: Der Lektor hat in Naturwissenschaften offensichtlich auch geschlafen, denn anders kann ich mir den größten Fehler, den ich in meiner Zeit als Bloggerin je entdeckt habe, nicht erklären. Ihr dürft gerne mitraten, welcher inhaltliche Fehler auf der letzten Seite in Kapitel 18 vorliegt. „Es kam ihr vor, als wären Lichtjahre vergangen seit dem schicksalhaften Abend, an dem sie und Zach sich zum ersten Mal geküsst hatten.“ Ich musste diesen Satz wirklich zweimal lesen und wusste nicht, ob ich darüber lachen oder weinen sollte. Habt ihr es bemerkt? Ein Lichtjahr ist keine Zeit- sondern eine Streckenangabe. Genauer gesagt die Distanz, die eine elektromagnetische Welle in einem Jahr im Vakuum zurücklegt. Der Kuss ist also schon über 9,461 Billionen Kilometer her? Alles klar!
Das Wichtigste an einer Trilogie ist und bleibt natürlich das Ende, das sich hier im dritten Akt manifestiert. Und dieser war leider durchwachsen. Erst spitzt sich die Lage immer weiter zu, ich war total gespannt auf den großen Kampf zwischen Emily und den Furien. Doch dann ist das vermeintlich große Finale nur ein kleines. Wer gewinnt ist zu schnell abzusehen, die Konfrontation bleibt aus und für Miles' Verhältnisse ist das Ganze recht unspektakulär gewesen. Auch hier kann ich leider nicht von einer Szene sprechen, die alle anderen in den Schatten stellt. Einige Fragen werden hastig beantwortet, andere dagegen überhaupt nicht, wie beispielsweise was es mit den Schlangenbroschen auf sich hat, woher sie kommen und warum die Furien sie nicht anfassen können. Meiner Meinung nach wurde dort viel Potenzial verschenkt, trotzdem bin ich froh den letzten Band gelesen zu haben und nun Ascension mit seinen Bewohnern literarisch verlassen zu können.

Fazit
Ich hatte wirklich gehofft, dass mir „Im Herzen die Gier“ mindestens so gut gefällt wie Band zwei. Doch leider muss ich sagen, dass der letzte Teil auch der schlechteste ist. Es ist wohl einfach zu viel schief gelaufen: Der schwächste aller drei Prologe, der mangelnde Tiefgang in Ems Wesenswandel, die fehlende Präsenz der Furien, die ersten langatmigen Szenen der Trilogie, das enttäuschende Ende und nicht zuletzt auch die ziemlich peinlichen inhaltlichen Fehler. Das können auch der spannende erste Akt, der schöne Schreibstil und JD als Protagonist wohl oder übel nicht ausbügeln. Das Jugendbuch war in Ordnung, aber leider auch nicht mehr. Deswegen muss ich „Im Herzen die Gier“ von Elizabeth Miles zwei von fünf Herzen geben.

♥♥