Dienstag, 11. April 2017

Rezension „Rubinrot“

Liebe geht durch alle Zeiten

Meine April-Rezension 2017



Fast jeder kennt sie und scheinbar genauso viele lieben sie: Die Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier. Vorletztes Jahr habe ich sie zu Weihnachten in diesem wunderschönen Schuber bekommen, der im Regal zwar auch immer Eindruck gemacht hat, aber jetzt war ich neugierig und wollte mich dem Innenleben widmen. Mit dem Auftakt „Rubinrot“ aus dem Jahr 2009 hat Gier das bisher erfolgreichste Buch ihrer Karriere und gleichzeitig den Anfang der wohl berühmtesten Jugendbuch-Trilogie aus deutscher Feder verfasst. Mit großer Vorfreude habe ich also in den Schuber gegriffen, um mir mit dem ersten Band schöne Lesestunden zu machen.


Inhalt
Die sechzehnjährige Gwendolyn Shepherd wohnt im Jahr 2011 mit ihrer Adelsfamilie in einer Villa in London. Dabei steht sie im Schatten ihrer gleichaltrigen Cousine Charlotte, die durch einen Gendefekt, der seit Generationen in der Familie vererbt wird, in die Vergangenheit reisen können soll. Jahrelang wurde diese auf ihren ersten Zeitsprung vorbereitet, doch dann stellt sich heraus, dass nicht Charlotte die Erbanlage in sich trägt, sondern Gwendolyn. Neben ihrer Fähigkeit Geister und Dämonen sehen zu können, ist sie nun also auch die Auserwählte, die zusammen mit dem Sohn der Adelsfamilie de Villiers Blutproben von allen Zeitreisenden sammeln soll, um das Geheimnis des sogenannten Chronografen zu lüften.

Cover
Am liebsten würde ich dieses Cover einfach nur für sich selbst sprechen lassen, denn es ist wirklich zauberhaft. Auf rosa meliertem Grund sind schwarze verschnörkelte Illustrationen zu sehen, die ein wenig an ein Schattentheater erinnern. Mit rot und weiß werden noch kleine Akzente gesetzt, dazu kommt noch die Detailverliebtheit, die dem Ganzen die Krone aufsetzt. Besonders niedlich finde ich die Fledermäuse am oberen Rand leicht links. Beachtlich auch, dass Gideon und Gwen, die in der unteren Hälfte abgebildet sind, sich offenbar nicht allzu gut leiden können.
Und ich sage es hier gerne noch einmal: Der Schuber ist einer der schönsten überhaupt! Wenn ihr die ganze Trilogie als Hingucker im Regal haben wollt, holt euch diesen am besten. Er ist sogar noch günstiger als die Taschenbücher. Abraten kann ich dagegen nur vom Buch zum Film, das macht optisch kaum was her.

Kritik
Abgesehen vom Prolog, bei dem die Namen der handelnden Figuren noch nicht verraten werden, erzählt die Protagonistin ihre Geschichte aus der Ich-Perspektive und im Präteritum. Gwendolyn ist ein typisches sechzehnjähriges Mädchen: eine gute Schülerin mit einer besten Freundin, ironisch und etwas tollpatschig veranlagt, mit der sich die gleichaltrigen Leserinnen leicht identifizieren können. In ihrer Familie steht sie stets hinter ihrer Cousine Charlotte, denn diese ist eine Musterschülerin, groß, schlank, hübsch, beliebt, perfektionistisch, manchmal auch arrogant und natürlich das zumindest erhoffte Wunderkind.
Auch Gwens beste Freundin Leslie bedient das typische Klischee des Anhängsels, denn sie bewundert die Protagonistin für ihre reiche Familie und für ihre Fähigkeit in die Vergangenheit reisen zu können. Sie recherchiert historische Anhaltspunkte für Gwen und stärkt ihr selbstlos den Rücken.
Nach jedem Kapitel finden sich Auszüge aus realen oder fiktiven historischen Dokumenten, seien es Briefe, Stammbäume, Tagebucheinträge, Gedichte oder Urkunden. Sogar Shakespeare wird zitiert.
Typisch für ein Jugendbuch kommen Themen wie der Schulalltag, die erste große Liebe, die mentale Reifung und natürlich körperliche Veränderungen, die bei Gwendolyn auch metaphorisch auf die Zeitsprünge projiziert werden, vor.
Die Sprache ist souverän locker und humorvoll, mir jedoch an manchen Stellen zu flapsig, denn ich finde Worte wie „Scheiße“ oder „Penner“ hätte Gier auch in angemesseneren Synonymen formulieren können, ohne der Erzählperspektive die Authentizität zu rauben. Gerade als Jugendbuchautorin hat sie einen großen Einfluss auf die Zielgruppe und hätte mit einem anderen Vokabular die Eloquenz der Leser positiv beeinflussen können. Trotzdem hab ich die Seiten förmlich verschlungen und das halbe Buch mit insgesamt fast 350 Seiten bereits nach zwei Tagen durchgelesen, denn das Interesse bleibt auch ohne intensive Spannung immer erhalten.
Ein klitzekleiner Recherchefehler ist mir aufgefallen: Als Gwendolyn von Dr. White untersucht wird, löst dieser nach der Blutabnahme erst den Stauschlauch, nachdem er ihr die Kanüle bereits aus dem Arm gezogen hat, was durch den Druck auf dem Oberarm eigentlich einen ordentlichen Blutfluss verursacht hätte. Ich musste ein bisschen schmunzeln, denn zuvor wurde Dr. White als herausragender Mediziner bezeichnet, um dann Blut wie ein Student im ersten Semester abzunehmen. Die restlichen medizinischen Informationen waren aber in Ordnung, deswegen schenke ich diesem Fauxpas keine allzu große Beachtung.
Apropos wenig Beachtung: Die Liebe steht in „Rubinrot“ eher noch im Hintergrund. Der männliche Protagonist Gideon wird anfangs nur namentlich erwähnt, taucht dann etwa ab der Hälfte des Buches erstmals persönlich auf und verhält sich Gwen gegenüber eher desinteressiert und abweisend. Die Angst vor schnulzigem Turteln und Anschmachten ist also vollkommen unbegründet.
Neben der Jugendbuch-Elemente und der Liebesgeschichte zeichnet sich auch stark die Urban-Fantasy ab. Die Fähigkeit der Zeitreise wird hier auf einem Gen begründet, das sich seit Beginn der Menschheit nur bei dreizehn Personen ausgeprägt hat. Zudem wurden die Geburtstermine der Zeitreisenden prophezeit. Jetzt müssen wir uns alle kurz einmal an die Stirn fassen: Wie um alles in der Welt soll die Fusion vom genetisch korrekten Erbmaterial vorhergesehen werden? Und das auch noch angeblich ausgerechnet von Isaac Newton, der sich in seinen Forschungsarbeiten nicht mit der zeitlichen Dimension befasst hat, geschweige denn mit Genetik oder Gynäkologie? Natürlich ist es auch unlogisch, dass man mithilfe eines Gens durch die Zeit reisen kann, aber wenn man schon die Gene als Begründung nennt, sollte man sich dann wenigstens an Gregor Mendel halten und keine Physiker benennen, die den nächsten Geburtstermin auspendelt. Zugegeben, dieses Paradoxon wird im Buch von Gwen auch angesprochen, doch Mr. Georges Antwort, dass man sich eigentlich überhaupt nicht sicher sei, ob die Ursache tatsächlich ein Gen sei, macht das Ganze nicht glaubwürdiger. Okay, man weiß nicht einmal genau warum es passiert, aber wann der nächste Zeitreisende das Licht der Welt erblickt, kann man kalkulieren? Alles klar! Denn auch Urban-Fantasy funktioniert nur dann wirklich gut, wenn die Thesen wenigstens einigermaßen plausibel sind, sodass der Leser sich ganz in die Geschichte vertiefen kann. Das ist mir persönlich leider nicht gelungen und ich hatte immer nur das Gefühl hier eine rein erfundene Geschichte zu lesen. Damit hat es Gier für mich verpatzt ein perfektes Jugendbuch zu schreiben.
Das Ende ist natürlich noch kein richtiges Ende, aber ohne zu viel verraten zu wollen, nimmt die Liebesgeschichte noch etwas an Fahrt auf und zieht den Spannungsbogen so genau an der richtigen Stelle nach oben, wodurch meine Finger jetzt schon auf der Fortsetzung liegen.

Fazit
Trotz zwei kleiner und einem größeren Kritikpunkt hat es die Autorin geschafft einen sehr schönen Auftakt ihrer Jugendbuch-Trilogie zu verfassen. Es war unterhaltsam, interessant und lustig, sodass die Zeit mit „Rubinrot“ wie im Flug verging.
Es ist natürlich nicht bedingungslos jedem zu empfehlen. Die Zielgruppe ist hier eindeutig weiblich im Alter von 14-18 Jahren, sodass ich mit meinen Anfang 20 schon teilweise gemerkt habe, dass ich hierfür ein paar Jahre zu viel auf dem Buckel habe. Aber das hat mir dank der gelungenen Atmosphäre überhaupt nichts ausgemacht und ich glaube, dass auch junggebliebene Frauen Spaß an diesem Werk haben können.
Deshalb kann ich „Rubinrot“ guten Gewissens vier von fünf Herzen geben. Ich freue mich jetzt schon auf „Saphirblau“!

♥♥♥♥