Mittwoch, 15. März 2017

Rezension „Die Klaviatur des Todes“

Zu Gast im Sektionssaal

Meine November-Rezension 2016



Er hat es wieder getan! Und darüber freue ich mich sehr. Prof. Dr. Michael Tsokos hat 2013 sein drittes Buch über seine spektakulärsten Erlebnisse als Rechtsmediziner veröffentlicht. Mit neuen unglaublichen Fällen beweist er mal wieder, dass er „Die Klaviatur des Todes“, wie der Titel so schön heißt, perfekt beherrscht. Doch wie perfekt beherrscht er das Kreieren von fesselnder und lehrreicher Literatur? Von wie vielen echten und gleichzeitig mysteriösen Todesfällen wird uns dieses Mal erzählt?

Inhalt

Ein tätowierter Männertorso, der in einem Koffer versteckt ans Spreeufer treibt. Ein Toter, der bäuchlings mit einer Mülltüte über den Oberkörper gezogen auf seinem Bett liegt, um ihn herum Dokumente zur Herstellung von Sprengsätzen. Ein Mann, der nachts taumelnd und schreiend mitten auf der Straße zusammenbricht. Nach „Dem Tod auf der Spur“ und „Der Totenleser“ gehen die rätselhaftesten Todesfälle in und um Berlin, die von Michael Tsokos untersucht wurden, weiter. „Die Klaviatur des Todes“ ist ein Sachbuch, das unterhalten soll, da es fast schon an einen Krimi erinnert oder zumindest an spannende Kurzgeschichten. Denn nicht jeder unnatürliche Tod war auch ein Mord.

Cover
Michael Tsokos steht vor einer weiß gekachelten Wand im blauen Kasack. Seine Hände, über die hellblaue Latexhandschuhe gestreift sind, stützen sich auf einem blanken Untersuchungstisch aus Edelstahl. Dabei blickt er wie zuvor auch ernst in die Kamera.
Diese Fotografie gefällt mir deutlich besser als die auf seinen vorherigen Büchern. So puristisch und klinisch das Cover gehalten ist, umso eindrucksvoller zeigt es auf einem Blick, dass es sich hier um ein medizinisches Sachbuch handeln muss. Durch die kleinere Überschrift „Deutschlands bekanntester Rechtsmediziner klärt auf“ ist sofort erkennbar, wer Michael Tsokos ist und worum es in diesem Buch geht. Besser hätte man es also definitiv nicht machen können.

Kritik
Nach einem Prolog, der nicht ganz so gelungen ist wie der in „Dem Tod auf der Spur“, beginnt Tsokos mit den echten Fällen. Dieses Mal befinden sich insgesamt sieben Kapitel auf fast 350 Seiten. Die Kapitel sind also deutlich länger als gewohnt. In diesen geht es aber nur in vier um unnatürliche Todesfälle. Die anderen handeln von Verletzungen und Schädigungen an lebenden Personen. Das ist auch schon mein erster größerer Kritikpunkt. An sich waren die Kapitel mit den Überlebenden nicht uninteressant, doch ist dabei ein Titel wie „Die Klaviatur des Todes“ irreführend, da es eben in vielen Fällen nicht einmal eine Leiche gibt. Die Erwartungshaltung des Lesers wird dadurch einfach nicht erfüllt.
Tsokos schreibt wieder im Präteritum und der Ich-Perspektive, zumindest so weit er kann. Denn wo er sich in den Vorgängern noch sehr auf seinen persönlichen Beitrag als Rechtsmediziner beschränkt hat, erzählt er hier auch Fälle, in die er entweder nur peripher oder seine Kollegen involviert waren, wodurch das Gefühl dem Mann auf dem Cover bei der Arbeit über die Schulter schauen zu können, verloren geht.
Dass die Kapitel deutlich länger sind und dass Tsokos als Protagonist in den Hintergrund rückt, bedeutet im Umkehrschluss auch, dass die dargestellten Fälle viel detaillierter beschrieben sind. Dabei geht es nicht um die Opfer, sondern vielmehr um die langwierigen Dialoge zwischen den Polizisten untereinander, den Vernehmungen von Zeugen, Opfern und Tatverdächtigen oder Gerichtsverfahren. Denn hier ist wirklich jedes Gespräch scheinbar wortwörtlich mitgeschrieben worden, was das Interesse an den Fällen mindert und dem Leser das Gefühl gibt, dass Tsokos hier etwas liebloser herangegangen ist und dazu dringend Seiten gefüllt werden mussten, damit man aus den Geschichten ein ganzes Buch machen kann. Meiner Meinung nach hätten viele Fälle zusammengefasst werden können, um den Spannungsbogen besser aufrecht zu erhalten.
Drei Kapitel sind so strukturiert, dass sie einen Oberbegriff haben, beispielsweise vorgetäuschte Straftaten, der in aufeinanderfolgenden Unterkapiteln aus verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet wird. So ist nach dem ersten Fall des Unterkapitels des Rätsels Lösung für die nächsten Beispiele schon glasklar. Man weiß einfach, wie die Geschichte endet: Die Spannung bleibt aus.
Erschwerend kommt hinzu, dass Tsokos sich bei medizinischen Erklärungen ständig wiederholt, als würde der Leser unter chronischer Amnesie leiden. Und damit meine ich nicht Wiederholungen, die für die Leser gemacht werden, die die ersten Bände nicht gelesen haben sondern wirklich nur die in „Die Klaviatur des Todes“. Hat er vorher noch vorbildlich alles kurz und knapp erläutert, möchte ich bei der dritten Wiederholung das Buch anschreien: „Ja verdammt, ich wusste zwar schon vorher und weiß jetzt zum gefühlt hundertsten Mal, was Kohlenmonoxid ist, was seine Eigenschaften sind und welche Symptome es auslöst. Komm endlich zum Punkt!“ Auch hier hätte man locker ein paar Passagen sparen können.
Unklar ist mir außerdem, warum in dem Kapitel „Der Puzzle-Mörder“ Pseudonyme verwendet werden. In „Dem Tod auf der Spur“ betont Tsokos noch, dass er bei den Fällen Orte und Namen verändert, um die ärztliche Schweigepflicht nicht zu brechen und um die Privatsphäre von Opfern und Tätern nicht zu stören. Eine Ausnahme machte er bei „Der Fall Jessica“, da die Namen der Betroffenen deutschlandweit in den Medien genannt wurden. Bis dahin verständlich. „Der Puzzle-Mörder“ dagegen stand auch namentlich in der Presse, genauso wie der des Opfers Raoul Schmidhuber, aus dem Tsokos Leon Feldgärtner machte. Warum er aber hier doch wieder zu Pseudonymen greift, ist mir schleierhaft.
Apropos Pseudonyme, die Namensgebung in „Der Internet-Lover“ hat mich ebenfalls verwirrt. Das Opfer, Christoph Kästner, wird an einer einzigen Stelle im Buch gefragt, ob er Bernhard sei, woraufhin er bejaht. Wie bitte? Warum denn jetzt auf einmal Bernhard? Ich habe vor und zurück geblättert, doch Bernhard kommt im gesamten Kapitel nur dieses eine Mal vor. Vielleicht ist Tsokos da versehentlich der wahre Vorname des Opfers heraus gerutscht.
Außerdem habe ich in dem Buch zwei Rechtschreibfehler gefunden. „Ist ja halb so wild“, werden da viele spontan ausrufen, aber für mich gehört zu einem qualitativ hochwertigen Buch auch eine fehlerlose Rechtschreibung, da es mehrfach kontrollgelesen wird. Zugegeben, bei einer Erstausgabe drücke ich bei Tippfehlern ein Auge zu: Das ist menschlich und kann mal passieren. Aber ich habe die Taschenbuchausgabe gelesen und bin der Meinung, dass da die orthografischen Kinderkrankheiten beseitigt sein sollten. Dass dem nicht so ist, ist für mich jetzt auch kein Weltuntergang, bestätigt aber meinen Eindruck, dass der dritte Teil nicht mit den beiden ersten mithalten kann.
Trotzdem sind potenziell interessante Fälle vorhanden und medizinisch informativ bleibt Tsokos nach wie vor. Zwar habe ich dieses Mal kein Lieblingskapitel, da alle Toten vor und während ihres Ablebens erzählerisch begleitet werden oder die Todesart am Anfang des Kapitels erklärt wird, sodass mich kein Fall noch überraschen konnte. Allerdings habe ich dieses Buch so schnell durchgelesen, dass ich nicht behaupten kann, dass es mir überhaupt nicht gefallen hat.

Fazit
Ihr habt es vermutlich schon verstanden: „Die Klaviatur des Todes“ kann „Dem Tod auf der Spur“ und „Der Totenleser“ nicht das Wasser reichen, was mir wirklich leid tut, denn ich bin mit großer Vorfreude an das Sachbuch gegangen, schon weil mir das Cover viel besser gefallen hat. Aber leider war das fast alles. Nichtsdestotrotz habe ich noch einige Dinge lernen können, beispielsweise wie das postmortale CT funktioniert oder was eine bionische Nase ist. Auch wenn ich viel kritisiert habe, lohnt sich das Buch für rechtsmedizinisch Interessierte, die ein paar langatmigere Seiten verschmerzen können. Deswegen möchte ich drei von fünf Herzen an „Die Klaviatur des Todes“ vergeben.

♥♥♥